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Mutig ins neue Jahr

Mutig ins neue Jahr

Wie uns Verbundenheit wirkungsvoll handeln lässt

#79

Ich: Lieber Bock, bist du gut im neuen Jahr angekommen?

Bock: Ja, danke! Mein Highlight der Feiertage war das Kennenlernen eines 50 Jahre alten Grottenolms in einer schmucken kroatischen Tropfsteinhöhle. Wir haben ein sehr nettes, aber doch etwas langatmiges, weil  s e h r   l a n g s a m e s  Gespräch geführt.

Ich: Ist ja interessant!

Bock: Extrem! Hast du gewusst, dass Grottenolme 100 Jahre alt werden können? Sie können ihren Stoffwechsel so stark herunterfahren, dass sie jahrelang ohne Nahrung auskommen. Sie bewegen sich meistens langsam und die weiblichen Grottenolme legen nur alle 5 bis 6 Jahre Eier. Sie haben keine natürlichen Feinde und in ihren Höhlensystemen sind sie auch vor Krankheitserregern gut geschützt.

Ich: Faszinierend! Sie leben wohl unter sehr ausgeglichenen Bedingungen: gleichbleibende Wassertemperatur, konstanter ph-Wert, immer dunkel … ?

Bock (der Bock hebt die Schultern, lässt sie wieder fallen und fügt seufzend hinzu): Ja, und so viel ich weiß treffen sie auch nicht besonders oft auf andere Grottenolme. Sie haben also auch keinen sozialen Stress (er lacht).

Ich (nicke nachdenklich): Klingt aber schon auch ein wenig einsam.

Bock: Ach, er kennt es ja nicht anders. Ich andererseits sehe meine Herde eigentlich ständig. Das kann richtig anstrengend sein.

Ich: Also ich habe den Silvesterabend mit Freundinnen und Freunden sehr genossen. Zuerst gab es ein gemütliches Fondue zuhause und auf den Jahreswechsel haben wir gemeinsam mit vielen anderen Schaulustigen angestoßen – auf einem Hügel mit Blick auf die Stadt und das verbotene Feuerwerk.

Bock: Stimmt schon, Teil einer Herde zu sein ist schon wichtig.

Ich: Für uns, als soziale Säugetiere, sogar überlebenswichtig. Fühlen wir uns ausgegrenzt, bekommen wir im Grunde Todesangst. Früher konnte es schnell lebensgefährlich werden, wenn man aus seiner Herde ausgeschlossen wurde.

Bock: Klar, und das Säugetierhirn reagiert ja noch genauso wie damals. Euer „moderner“, individualistischer Lebensstil hat da in eurem Inneren einiges durcheinander gebracht. Jetzt müsst ihr euch richtig bewusst um eure Gemeinschaft bemühen – inzwischen im Interesse der gesamten Biosphäre!

Ich: Da hast du wohl recht. Aber wie schafft man ein Herdengefühl?! Ist gar nicht so einfach, es bedarf schließlich auch Mut und einer entsprechenden Haltung, für sich und die Gemeinschaft einzustehen.

Bock (träumerisch): Als wir in Kroatien, wie eine kleine Herde, auf einem Felsen am Meer gesessen sind und den Wellen gelauscht haben – unendlich beruhigend war das.

Ich nicke. 

Ich: Zu der Frage "Wie schafft man ein Herdengefühl?", fällt mir ein Ereignis ein, dass sich vor nicht allzu langer Zeit abgespielt hat. Das passt hier ganz gut:
 

Im Bus

Vor Kurzem habe ich am Weg in die Arbeit im Bus beobachtet, wie ein junger Mann eine Schülerin belästigte. Zuerst starrte er sie an, dann näherte er sich, bis er sie, trotz ihrer eindeutig abweisenden Körpersprache, zuerst mit seinem Oberkörper berührte und kurz darauf seine Hand auf die ihre legte. Sie zuckte zusammen und versuchte sich wegzudrehen, doch sie konnte im Gedränge nicht wirklich ausweichen. Sein Übergriff widerte mich an, doch bis ich mir im Kopf mein drohendes „Hey, kannst du sie bitte in Ruhe lassen“ 20-mal vorgesagt und mir Mut zugesprochen hatte, war die Schülerin schon fluchtartig ausgestiegen. Hätte ich wenige Sekunden früher etwas gesagt, hätte er sich entblößt und sie sich beschützt gefühlt – so entstand jedoch für ihn der Eindruck, sein Verhalten hätte niemanden gestört, und für sie, dass man sich nicht auf das Eingreifen anderer Menschen verlassen könnte.

Genau diese Unsicherheit hat jedoch auch mich daran gehindert, schnell einzugreifen: Werden die anderen im Bus mich unterstützen? Finden die das auch so schlimm? Oder werden sie denken, ich hätte mir was eingebildet und reagierte übertrieben? Es ist ein Teufelskreis, aber glücklicherweise auch eine Positivspirale: Je mehr Menschen in solchen oder ähnlichen Situationen aktiv werden, desto bestärkter ist jede:r Einzelne, das beim nächsten Mal auch oder wieder zu tun. Und insgesamt stärkt das Herdengefühl.
 

Was wir beitragen können

… aufmerksam durch das Leben gehen und Zivilcourage zeigen, wenn jemand etwas braucht, sei das eine ältere Dame am Ticketautomaten oder ein Jugendlicher, der von anderen beleidigt wird. Das schafft Sicherheit im öffentlichen Raum und Vertrauen in andere Menschen.

… den eigenen Standpunkt vertreten und dafür einstehen. In Medien und sozialen Netzwerken sieht und hört man vor allem extreme Meinungen und es entsteht oft der Eindruck, die Gesellschaft sei in zwei extreme Lager gespalten. Dabei sind dies nur wenige, jedoch sehr laute, extreme Stimmen und die Mehrheit liegt meist irgendwo in der Mitte. Auch diese Meinungen zu zeigen bedeutet, die gemäßigte „stille“ Mehrheit sichtbar zu machen.

… nicht jeden Trend mitmachen und dafür vielleicht auch einen abwertenden Kommentar über sich ergehen lassen. Sich darüber im Klaren zu sein, was einem wichtig ist und was eben nur ein vorübergehender Hype ist, schafft Stabilität, Freiheit und Unabhängigkeit.

… etwas ausprobieren oder sich auf etwas Neues einlassen, was in einer Zeit vieler Veränderungen wohl überlebenswichtig ist. Ob KI-Anwendungen, Carsharing, vegane Ernährung oder eine Alten-WG: Man kann es sich ja mal ansehen und sicherlich die eine oder andere Sache für sich entdecken. Es ist besser, sich aktiv damit zu beschäftigen, als von zukünftigen Entwicklungen überrumpelt zu werden.

… aktive Bürgerin sein und die eigenen Möglichkeiten ausloten. Jede:r von uns kann in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in der Schule, im Job, durch ehrenamtliches Engagement, Spenden, Petitionen etc. und nicht zuletzt im Alltag etwas bewirken. Engagement, auch nur im Kleinen, stärkt die Selbstwirksamkeit und das Vertrauen in gesellschaftliche und politische Strukturen.

… letztendlich: den Kopf nicht in den Sand stecken. Manchmal mag das sehr bequem sein, aber je öfter man den Kopf hebt, hinschaut, aktiv wird, desto leichter wird es.

Kopfhörer raus, Blick weg vom Handy, Augen auf.

Das Leben passiert hier und jetzt - in jedem Moment können wir entscheiden, haben wir die Wahl, wie wir handeln und wie wir in unsere Welt wirken möchten.

 

Globale Einordnung

Im Jahr 2015 wurde mit den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) ein umfassender Plan für eine nachhaltige Welt bis 2030 vorgelegt. Es scheint uns jedoch unter anderem an inneren Fähigkeiten, Eigenschaften und Kompetenzen zu mangeln, diese umzusetzen.

Aus diesem Grund hat sich eine gemeinnützige Open-Source Initiative gegründet, welche sich den Inner Development Goals (IDGs) widmet, und damit der Erforschung und Förderung der inneren Entwicklung für eine nachhaltigere Zukunft.

Die 5 Dimensionen der IDGs  (Sein, Denken, Beziehung, Zusammenarbeit und Handeln) hat der Bock in der folgenden Abbildung skizzenhaft veranschaulicht, denn er weiß, auf ihnen beruht das Funktionieren einer Herde.

BOCK Inner Development Goals

Links & Quellen

Inner Development Goals (IDGs)
https://idg-deutschland.de/
https://innerdevelopmentgoals.org/

Über Grottenolme
https://de.wikipedia.org/wiki/Grottenolm

Julia Buchebner und Stefan Stockinger, 2021: Innen wachsen – außen wirken. Eine nachhaltige Zukunft beginnt in uns selbst. 336 S. Ennsthaler.

Unsere Welt brennt – und wir Menschen brennen aus. Klimawandel, Artensterben und steigende Ungleichheit sind Ausdruck einer Entwicklung, in der wir die Verbindung zu uns selbst, zu anderen Menschen und zur Natur weitgehend verloren haben. Doch was, wenn uns der Blick nach innen helfen würde, diese Verbindung wiederzufinden? Was, wenn in unserem Innersten der Schlüssel für eine echte Kehrtwende liegt?

https://inner-change-makers.at